Süddeutsche Zeitung, 6. Mai 2026, 12:06 Uhr
Interview von Iris Hilberth, Grünwald
In Grünwald führt aktuell Ingrid Reinhart die Geschäfte des Bürgermeisters. Wie es dazu gekommen ist und wie sich die Grünen-Politikerin auf dem Chefsessel von Jan Neusiedl von der CSU fühlt, erzählt sie im Interview.
Das Grünwalder Rathaus ist eigentlich fest in CSU-Hand. Denn der zum vierten Mal als Erster Bürgermeister wiedergewählte Jan Neusiedl sowie seine bisherigen beiden Stellvertreter sind in derselben Partei. Doch aktuell ist Neusiedl nicht an seinem Arbeitsplatz anzutreffen, weil er sich ein Bein gebrochen hat. In einem solchen Fall springen normalerweise der Zweite Bürgermeister oder die Dritte Bürgermeisterin ein. Doch deren Amtszeit ist seit 30. April abgelaufen und die Neuen werden erst in der konstituierenden Sitzung am 12. Mai gewählt.
So kam es, dass die Grünen-Gemeinderätin Ingrid Reinhart einen Anruf vom Landratsamt erhielt, sie möge doch bitte so lange die Amtsgeschäfte übernehmen. Denn die 76-Jährige ist derzeit die „Lebenszeitälteste“ in dem kommunalen Gremium. Ausgerechnet eine Grüne im schwarzen Grünwald, das erheitert auch Reinhart selbst.
Die Aufgabe nimmt sie freilich mit großem Ernst und Begeisterung wahr und bezeichnet die kurze Vertretungszeit als eine „unerwartete große Ehre und Verantwortung“. In der konstituierenden Sitzung wird Reinhart die neuen Gemeinderäte und -rätinnen vereidigen, die Wahl des Zweiten Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin leiten und anschließend das Amt an die oder den Gewählten übergeben.
SZ: War das Bürgermeisteramt in Grünwald schon immer Ihr Traumjob?
Ingrid Reinhart: Och ja, ausgeschlossen habe ich das nie. Aber ich bin natürlich Realistin: Grüne in Grünwald – das ist schon schwierig.
Vor sechs Jahren wollten Sie ja Dritte Bürgermeisterin werden. Daraus wurde nichts. Jetzt sitzen Sie tatsächlich auf dem Platz von Jan Neusiedl. Wie fühlt sich das an?
Sehr schön. Es ist sehr interessant, denn vom ersten Tag an lernt man viel und sieht auch, wie viel ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin zu tun hat.
Was haben Sie denn schon gelernt?
Wie viele Dinge er jeden Tag abzeichnen und wie viel er lesen muss, wie viele Aufträge rausgehen. Es ist wirklich nicht ohne. Und das ist ja nur ein kleiner Anschnitt von dem, was Herr Neusiedl macht.
Meinen Sie, dass sich die CSU ärgert? Schließlich hatten die Schwarzen bis zum 30. April alle drei Bürgermeisterposten inne.
Das weiß ich nicht, ob sie sich ärgert. Aber ich habe von einem CSU-Gemeinderat auch einen Glückwunsch bekommen, was mich sehr gefreut hat.
Wie war denn insgesamt die Reaktion im Ort auf die Grüne im schwarzen Rathaus?
Es stößt auf große Resonanz in Grünwald. Die Reaktionen sind absolut positiv. So viel Heiterkeit habe ich hier selten erlebt.
Viel Zeit haben Sie ja nicht auf dieser Position. Was haben Sie sich für die neun Tage denn vorgenommen?
Eigentlich darf ich nur Anstehendes oder Dringendes machen. Eigene Ideen verwirklichen kann ich weiterhin nicht.
Wenn Sie dürften, was würden Sie als Erstes tun?
Ich würde unsere Ortsmitte anders gestalten. Die ist ja ein großes Ärgernis. Und ich würde ein Radwegenetz in Auftrag geben. Denn für Fahrradfahrer ist es in Grünwald sehr gefährlich. Grünwald ist eine Autogemeinde.
Vielleicht können Sie ja durch diese Vertretungszeit bei der CSU doch noch für das Amt der Dritten Bürgermeisterin punkten. Halten Sie das für möglich?
Na ja. Ich habe ja auch schon ein gewisses Lebensalter und eigentlich sollten solche Posten jüngere Menschen besetzen, finde ich. Da gibt es sicher jemanden, der sich darauf bewerben wird.




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