Gefälligkeiten – Auch privat immer zu Diensten

Süddeutsche Zeitung, 23. Mai 2026

Kolumne von Lars Brunckhorst

Die Fälle Neusiedl und Niebler werfen ein Schlaglicht auf die Mentalität mancher Politiker, die damit die Politik als Ganzes in Verruf bringen können. 

Seit Friedrich Merz’ Spruch über die faulen Deutschen, die allenfalls vier Tage die Woche im Büro am Bildschirm sitzen, um Candy Crush oder Minecraft zu spielen, und ansonsten in der sozialen Hängematte fläzen, ist die Work-life-Balance schlecht beleumundet. Völlig zu Unrecht. Yoga-Retreats auf Malle und Ayurveda-Kuren in Sri Lanka während eines Sabbaticals sind nur der gerechte Ausgleich dafür, dass sich die Arbeit spätestens seit Corona und dem Einzug des Homeoffice immer mehr in den privaten Alltag drängt. Beim Kochen werden Mails gecheckt, zwischen Wäschewaschen und Bügeln ein Team-Call verfolgt und während man die Kinder zu Bett bringt, wird die Power-Point-Präsentation für das Meeting am nächsten Tag vorbereitet.

Dabei kann man schon mal den Überblick verlieren und sich auf dem Rückweg von einer Konferenz vom Chauffeur mit dem Dienstwagen zum Friseur fahren lassen. Oder an den Flughafen zum Urlaubsflieger. Oder gar zum CSU-Parteivorstand. Wenn der Fahrer unterwegs noch ein paar Wahlkampfflyer einwirft – was soll’s? Das gilt auch für den Assistenten, der eigentlich das Büro im Wahlkreis managt, nebenbei aber auch als Hausmeister den heimischen Garten pflegt. Der Europaabgeordneten Angelika Niebler aus Vaterstetten soll derlei unterlaufen sein. Nun ist die Aufregung groß, will die Staatsanwaltschaft in Brüssel ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue einleiten und sollte das EU-Parlament diese Woche die Immunität der CSU-Politikerin aufheben. Was es nicht tat.

Über Frau Nieblers Umgang mit Beruf und Privatem wird nur die Nase rümpfen, wer vor der Urlaubsreise nicht den Firmenwagen schnell noch mal an der Grenze volltankt und das Diensthandy fürs Privatgespräch nutzt. Also Leute wie die Moralapostel von den Grünwalder Grünen. Diese vergönnen es ihrem Bürgermeister doch glatt nicht, dass er sich von einem Mitarbeiter des Rathauses zum Arzt fahren oder ein Mittagsessen aus dem Restaurant vorbeibringen lässt. Dabei liegt Jan Neusiedl seit Wochen mit einem Beinbruch bei seiner über 90 Jahre alten Mutter im ersten Stock, wo der 64-Jährige noch immer wohnt, und musste sogar ein paar Tage lang – horribile dictu – eine Grüne die Geschäfte im Rathaus führen lassen. Das ist alles nicht schön.Formularbeginn

Also bitte: Wer sich seit 18 Jahren an sieben Tagen die Woche von morgens bis abends für das Wohl der Gemeinde aufreibt, der wird doch wohl, wenn er mal ausfällt, von seinen Mitarbeitern ein paar – natürlich ganz freiwillige – Gefälligkeiten annehmen dürfen. Zumal der Bote ohnehin „Korrespondenzen“ zum Herrn Bürgermeister bringen musste, wie dessen Stellvertreter, der ebenfalls der CSU angehörende Zweite Bürgermeister Stephan Weidenbach, in einer wortreichen Erklärung ausführt. So sieht eben laut Vize Weidenbach ein „situationsangemessener und menschlicher Umgang“ aus, der für die „Hilfsbereitschaft und einen außerordentlich hohen, gelebten Service-Gedanken“ der Grünwalder Gemeindeverwaltung steht. Inhaber örtlicher Briefkastenfirmen und andere ortsansässige Millionäre werden das bezeugen. Den Seniorenfahrdienst und Essen auf Rädern dürfen sich derweil normale Bürger organisieren.

Alles für sich gewiss keine großen Skandale, aber in der Summe eben doch nicht so viel anders als die Verwandten-Affäre der AfD. Und genau das ist das Problem: All dies befördert das Vorurteil vom Selbstbedienungsladen der Politiker „da oben“. Selbstgefälligkeiten verbunden mit mangelndem Unrechtsbewusstsein sind Steilvorlagen für Populisten, wobei diese – siehe eben Verwandten-Affäre – selbst keineswegs besser sind. Im Gegenteil.

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